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Im Rhythmus des Herbstes

Autorenbild: Bertha Gloor
Bertha Gloor
vor 11 Minuten
4 Min. Lesezeit

Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin

Der Herbst - eine Zeit der Sammlung und Neuorientierung

Mit dem Herbst verändert sich der Rhythmus der Natur. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken und die lebendige Fülle des Sommers weicht einer Phase der Reifung und des Rückzugs. Was zuvor nach aussen gewachsen ist, beginnt sich nach innen zu sammeln.

In der TCM wird dieser Wandel als Ausdruck einer natürlichen Bewegung von Yang und Yin verstanden. Während Yang für Aktivität, Wärme und Ausdehnung steht, verkörpert Yin Ruhe, Substanz und Regeneration.

Der Mensch wird dabei nicht unabhängig von seiner Umwelt betrachtet. Vielmehr gilt die Anpassung an jahreszeitliche Veränderungen als wesentlicher Bestandteil einer harmonischen Lebensführung.

Der Herbst bietet aus dieser Perspektive eine Gelegenheit, die eigenen Kräfte bewusster einzuteilen, die körperliche Widerstandsfähigkeit zu fördern.


DAS ELEMENT METALL

KLARHEIT, STRUKTUR UND ABGRENZUNG

Innerhalb der Lehre der fünf Wandlungsphasen ist der Herbst dem Element Metall zugeordnet. Es symbolisiert die Fähigkeit, Wesentliches zu erkennen, klare Grenzen zu setzen und Überflüssiges loszulassen. Die zugehörigen Funktionskreise sind Lunge und Dickdarm. Ihre Aufgaben spiegeln das Grundprinzip des Aufnehmens und Abgebens wieder. Die Lunge nimmt über die Atmung Verbindung zur Ausserwelt auf, während der Dickdarm für Ausscheidung und Loslassen steht.

Diese Zuordnung besitzt neben ihrer körperlichen auch eine emotionale Dimension. Das Element Metall wird mit Klarheit, Ordnung und der Verarbeitung von Abschieden verbunden.

In der herbstlichen Gesundheitspflege geht es deshalb nicht nur darum, äusseren Einflüssen angemessen zu begegnen, sondern auch darum, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und bewusster zwischen Belastung und Erholung zu unterscheiden.


LUNGE-QI UND WEI QI- DIE ENERGETISCHE GRUNDLAGE DER ABWEHR

Die Lunge wird in der TCM als " Meisterin des Qi" bezeichnet. Ihr wird die Aufgabe zugeschrieben, das aus der Atemluft gewonnene Qi aufzunehmen und dessen Verteilung im Organismus zu unterstützen. Eine besondere Bedeutung besitzt dabei das Wei Qi, das sogenannte Abwehr-Qi. Nach traditioneller Vorstellung zirkuliert es vorwiegend an der Körperoberfläche und unterstützt deren Schutz- und Regulationsfunktionen. Dazu gehöhren die Anpassung an klimatische Veränderungen sowie die Regulation von Körperwärme und Schweissabsonderung.

Die harmonische Verteilung des Wei Qi hängt eng mit der Funktion des Lungen-Qi zusammen.

Eine Schwäche kann sich innerhalb der traditionellen TCM-Musterdiagnostik beispielsweise durch erhöhte Kälteempfindlichkeit, spontane Schweissneigung, geringe Belastbarkeit oder eine Neigung zu wiederkehrenden Erkältungen zeigen.

Das Wei Qi ist dabei als Bestandteil des traditionellen energetischen Erkältungsmodells des TCM zu verstehen. Die Pfege des Lungen Qi umfasst insbesondere einen angemessenen Lebensrhythmus, bewusste Atmung, ausreichende Erholung und eine individuell abgestimmte Lebensweise.


HERBSTLICHE TROKENHEIT UND DIE BEDEUTUNG DES LUNGEN YIN

Jeder Jahreszeit wird in der TCM ein charakterischer klimatischer Einfluss zugeordnet. Im Herbst ist dies die Trockenheit. Die Lunge gilt als besonders empfindlich gegenüber diesem Einfluss, da sie nach traditionellem Verständnis auf eine ausreichende Versorgung mit Körpersäften angewiesen ist. Wird diese Versorgung beeinträchtigt, können im Rahmen der TCM- Diagnostik Trockenheitsmuster entstehen. Typische Zeichen sind ein trockener Hals, trockener Husten, Heiserkeit oder trockene Haut.

Neben der Stärkung des Qi erhält deshalb auch die Pflege des Lungen-Yin besondere Aufmerksamkeit.


DIE MITTE ALS QUELLE DER LEBENSENERGIE

Die Funktionskreise Milz und Magen bilden in der Chinesischen Medizin die sogenannte Mitte. Sie sind für die Aufnahme, Umwandlung und Weiterleitung der aus der Nahrung gewonnenen Energie verantwortlich. Das daraus entstehende Nahrungs-Qi trägt gemeinsam mit dem Atmungs-Qi zur Versorgung des Organismus bei und bildet eine wichtige Grundlage für die Entstehung des Wei Qi.

Eine harmonische Mitte wird daher als Vorausstzung für Vitalität und energetische Stabilität betrachtet.


ERNÄHRUNG IM HERBST

NÄHREN, BEFEUCHTEN UND HARMONISIEREN

Die Auswahl der Lebensmittel orientiert sich in der TCM an ihrer thermischen Wirkung, ihrem Geschmack und ihrer Zuordnung zu den Funktionskreisen. Für die Herbstzeit steht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Unterstützung der Mitte und der Bewahrung der Körpersäfte im Vordergrund.

Birnen werden zur Befeuchtung der Lunge verwendet, insbesondere in gedünsteter Form. Weisser Rettich wird dem Funktionskreis Lunge zugeordnet und soll der Bewegung des Qi unterstützen.

Reis, Hirse und mild zubereitete Getreidegerichte gelten als geegnete Grundlagen für eine bekömmliche Ernährung. Kürbis und Wurzelgemüse werden zur Unterstützung der Mitte geschätzt. Mandeln und Sesam besitzen in der Ernährungslehre nährende und befeuchtende Eigenschaften. Der scharfe Geschmack, der dem Element Metall zugeordnet ist, wird in massvoller Form eingesetzt, um die Bewegung des Qi anzuregen. Stark erwärmende Gewürze sollten bei Trokenheits- oder Hitzezeichen jedoch zurückhaltend verwendet werden.


TRAUER UND LOSSLASSEN

DIE EMOTIONALE QUALITÄT DES HERBSTES

Die Verbindung zwischen körperlichen und emotionalen Prozessen gehört zu den grundlegenden Betrachtungsweisen der chinesischen Medizin. Dem Funktionskreis Lunge wird die Emotion Trauer zugeordnet. Trauer ist eine natürliche Reaktion auf Verlust, veränderung und Abschied. Sie ermöglicht es, Erfahrungen zu verarbeiten und sich allmählich auf neue Lebenssituationen einzustellen.

Besonders deutlich wird die Verbindung zwischen emotionalem Erleben und Körperempfindung in der Atmung. Innere Anspannung kann den Atem flacher werden lassen, während tiefe Erleichterung häufig von einer spontanen, entspannten Ausatmung begleitet wird.

Losslasen bedeutet dabei nicht, Gefühle zu unterdrücken oder Erfahrungen zu Vergessen. Vielmehr geht es darum, Veränderungen anzuerkennen und schrittweise wieder innere Beweglichkeit zu entwickeln.

Auch die Fähigkeit, persönliche Grenzen zu erkennen und Belastungen rechtzeitig auszugleichen, gehört zu einer gesundheitsfördernden Lebensweise.

Der Herbst lädt dazu ein, Gewohnheiten zu überprüfen und den Alltag so zu gestalten, dass Aktivität und Regeneration in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.


 
 
 

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